Autobiografie, oder eine Zeitreise zurück auf die Frage: "Wie wird man zu einem fanatischen Windsurfer?"
Meistens fängt alles schon sehr früh an. Meine Eltern fuhren schon in den 70èr Jahren mit mir jedes Wochenende von Dresden aus an den Schwielochsee im Spreewald, an dem wir einen Dauercampingplatz hatten. Ein Eigenbaumotorboot mit immerhin fast 50 PS war auch vorhanden. So kam es, dass ich so manchen Tag komplett auf dem Wasser verbringen musste. Die sportlichen Tätigkeiten beschränkten sich aber auf das einholen und aufwickeln der Wasserskileinen. Irgendwann wurde dann das Wasserskifahren auf dem See verboten und demzufolge das Boot verkauft.
Also fing mein Dad mit "Brettsegeln" an, wie es damals in der DDR genannt wurde. Zu kaufen gab es damals solche Trendsportgeräte freilich nirgends. Demzufolge wurde selbst gebaut. Die Bretter machten ihren Namen alle Ehre, denn die bestanden aus Sperrholz. Die extrem saugfähigen Segel wurden ebenfalls selbst genäht. Zu jener Zeit interresierte mich das alles noch herzlich wenig, denn ich hatte von Opi ein Schlauchboot bekommen. Angeln und paddeln über den See fand ich toll. Der häufige Gebrauch des Gummibootes sorgte dann dafür, dass die Luft irgendwann nicht mehr drin blieb und ich nach fünf Paddelschlägen erst mal 10 mal die Pumpe bedienen musste. Aber schon zu dieser Zeit hielt ich es nicht mehr längere Zeit an Land aus. Ein "Pouch-Faltboot" war mein nächstes Wasserfahrzeug.
Inzwischen waren wir mit
unserem Dauercampwohnwagen an den Neuendorfer See umgezogen. Auf dem
Wasser um mich herum begegneten mir zusehends immer mehr dieser
"Brettsegler", denn auch im Osten lies sich der Trendsport "Windsurfen"
nicht verhindern. 1982 war es, als jemand mit einem Kindersegel für seine
Tochter an unserem See auftauchte. Ich lies mich murrend dazu überreden
auch mal draufzuklettern. Schließlich ist man mit 13 ja kein Weichei mehr.
Ohne Ahnung und Anleitung (zumindest hab ich nicht kapiert was ich wie und
zuerst machen sollte) war ich schließlich glücklich am anderen Ende des
Sees wieder an Land gespült zu werden. Das war wohl nix für mich, so die
allererste Erkenntnis. Abfinden wollte ich mich freilich mit so einem
Erlebnis noch lange nicht.
Es waren gerade Sommerferien und von Montag bis
Freitag war ich allein auf dem Zeltplatz. Warum auch immer, eines Tages
schleppte ich Vaters Surfbrett und Segel die 50 m ans Wasser runter, und
10 min später trieb ich damit ziemlich hilflos mitten auf dem See rum.
Dennoch war das der so genannte Tag X, allein deswegen weil ich es
irgendwie geschafft habe nach paar Stunden durch etwas Wind im Segel
wieder ungefähr dahin zu kommen wo ich losgefahren war. Die nächsten Tage
wiederholte sich dieser Vorgang immer öfter. Als meine Eltern das
Wochenende darauf wiederkamen trauten die Ihren Augen nicht. Es muss wohl
einer der wenigen Momente gewesen sein, an denen ich meinen Vater mal
glücklich gemacht habe. Da meine Mutter zu jener Zeit auch noch surfte,
hatten wir auch zwei dieser Deltabretter. Eins davon wurde ab sofort von
mir beschlagnahmt.
Im drauffolgenden Jahr hatte ich die so genannte "Jugendweihe" auch Konfirmation genannt, bei welcher man ja damals viel Geld geschenkt bekam. Für ca. 2000 Ostmark kaufte ich mir eine Delta3(Banane), das damalige Regattabrett des Ostens! Ein Neo und sogar ein echtes "Gaastra" Trapez gehörten mittlerweile auch zu meiner Ausstattung. Im 2 und 3 Jahr meiner "Surfkarriere" konnte ich dann auch gleich einige dieser Dreiecksregatten gewinnen.
1985, noch immer ständig am Neuendorfer See zugange, verirrte sich ein Tscheche mit einem seltsamen Surfbrett dort hin. Es war viel kleiner und hatte Schlaufen auf der Standfläche ??? Aha, zum besseren tragen dachte ich im ersten Moment. Nach mehrmaligen Versuchen, die der arme Kerl Schwimmenderweise beendete, stand er am Strand und beobachtete uns auf unseren Bananen. Zurück am Ufer sprach er meinen Vater an, ob er nicht mal das kleine Ding da probieren möchte, da er der Meinung war das es nicht richtig funktioniert. Weiß nicht mehr genau wie es ausging, aber einen Moment später versuchte ich mein Glück damit. Erinnern kann ich mich, dass meine Hände krampfhaft die Gabel festhielten und das Brett losschoss wie ein Spaceshuttle. Meine Füße versuchten tänzelnder Weise neben den Schlaufen irgendwie Halt zu finden, worauf das Brett anfing komische Schlängellinien ins Wasser zu schlitzen. Na ja,... Schulterzuckend und rätselnd standen wir dann irgendwann wieder am Ufer und bestaunten dieses "Funboard". ...ja so nannte er sein Surfbrett. Ein Tag später war der Tscheche weg. Aber unabsichtlich hatte er bei uns etwas hinterlassen. Er, oder besser gesagt sein komisches kleines gleitendes "Funboard" hat uns angesteckt mit einem Virus, eben jenen Gleitvirus den man dann ein Leben lang mit sich rumschleppt. ....doch noch konnte er sich nicht weiter in mir breit machen.
Im gleichen Jahr fuhren wir mitsamt unseren dicken Surfbrettern für paar Tage an die Ostsee nach Thiwai. Thiwai heißt eigentlich Thiessow und ist ein kleines Fischerkaff auf der Insel Rügen. Es war der einzigste Surfspot an welchen man zu Honeckers Zeiten auf der offenen Ostsee zum surfen raus durfte. Dort angekommen stellte sich gleich heraus das sämtliche Surfinnovationen scheinbar an uns vorübergegangen waren. Fast alle anderen Surfer hatten schon jene "Funboards" mit den praktischen Trageschlaufen drauf. Auch die Segel sahen anders aus. Die meisten hatten mehrere durchgehende Latten eingenäht und erinnerten mich an die allerersten Flugzeugprototypen aus den Anfängen der Fliegerei,... und Tatsache, einige Cracks flogen bei jeder Welle etliche Meter weit oder hoch. Ich weiß nicht mehr wie viel Minuten oder Stunden ich wie angewurzelt am Strand stand und dem Treiben da auf dem Wasser einfach nur zugesehen hab. Später irgendwann als der Wind etwas nachgelassen hatte kann ich mich erinnern noch mit dem Delta auf dem Wasser gewesen zu sein. Man muss das scheiße ausgesehen haben. Bei jeder größeren Welle fegte es mir einfach die Füße vom Brett. So langsam kam die Erkenntnis wozu die anderen diese Schlaufen drauf hatten. Von jenem Tag an gab es nur noch ein Problem. ein "Funboard" zu haben.
Omi und Opi waren ja zu jener Zeit schon in den "Westen" übergesiedelt und genossen Ihr Rentnerdasein in Mannheim. Bis dorthin muss sich meine Sehnsucht rumgesprochen haben, denn seither war in den monatlichen Schokoladenpaketen auch jeweils ein Surfmagazin mit drin. Endlich wusste ich zumindest theoretisch wohin die Reise in Zukunft geht. Ein Surfbrett mit Schlaufen hatte ich freilich noch immer nicht. OK, das war im Moment auch nicht weiter tragisch, denn es war fast Winter und in der Garage stand meine neue 50ziger, die drauf wartete das ich den Mopedführerschein endlich in die Hände bekam.
Im folgenden Jahr durfte mein Dad dann auch mal in den Westen reisen. Sein Rückreisegepäck viel ziemlich gigantisch aus. :-) Ein Rainbow6-Surfboard 110 Liter mit Schlaufen, ein pinkfarbenes Segel genau wie das auf den Fotos von Robby Naish mit den vielen Latten drin,.. und sogar ein Epoxymast. hmhmhm aber nicht nur für mich ... wir mussten halt abwechselnd und so ne ... Beim Anblick dieser Sachen in der heimischen Wohnstube war er plötzlich wieder da und kribbelte mir in den Fingerspitzen, dieser sch...ß Surfvirus. Nicht mal mein Mopedle, welches inzwischen zum Chopper mutiert war hatte mich anscheinend davon heilen können. Wenn ich damit unterwegs war und ein sommerlicher Seitenwind an mir und meiner "Cobra" (so nannte ich mein Moped) rüttelte hielt ich dann und wann schon mal einfach an, nahm den Helm runter, und genoss das Rauschen der Blätter in den Bäumen am Straßenrand und träumte kurzzeitig mit geschlossenen Augen dahin, versuchte die Eindrücke von dem Tschechen seinem Brett mit den Fotos aus dem Surfmagazin zusammenzubasteln. Doch tüt - tüt aufwachen. Der Zwang des Alltags hatte schon längst von mir Besitz ergriffen. 8 Wochen Schulferien war Schnee von gestern. Ab sofort gab's nur noch 21 Tage Lehrlingsurlaub im Jahr , aber immerhin die standen mir noch bevor.
An einem lang herbeigesehnten freien Tag im Spätsommer 1986 stand ich dann wieder mal an meinem Neuendorfer See. Es war so ein Tag auf den man sich schon Wochen vorher freut, sich in Gedanken ausdenkt an welcher Stelle des Sees man wohl die erste Halse ins Wasser zirkelt, auf was für Fragen man denn von den staunenden surfenden Nachbarcampern antworten müsste usw. Statt dessen verlor sich mein leerer Blick in den kleinen Ringen, die der Nieselregen auf den spiegelglatten See malte. Was soll's´, kann nur besser werden denkt man halt als Optimist. auch am nächsten Tag denkt man noch so ... das wird schon. Natürlich wurde das Wetter besser. Am dritten oder vierten Tag dann ließ sich die Sonne mal dauerhaft blicken. Gleich mal alles aufbauen und ans Wasser tragen. Ein paar Windböen fächelten über den See. juhuhuh. ...doch die Ernüchterung folgte prompt. Der Wind langte einfach nicht. Nur daran kann es liegen, total deprimiert verbrachte ich den Rest des Tages in der Campingkneipe. Auf die Idee mein inzwischen mit Grünspan bewachsenes Deltabrett zu reaktivieren und damit noch bisschen über den See zu schippern kam ich nie. Dabei hätte ich noch ein Jahr vorher nichts anderes gemacht. Hatte natürlich auch in der surf gelesen ,... alles hoch und runter. jedoch Sätze mit Wörtern wie -Mindestwindstärke- zum angleiten oder so was in der Art hatte ich scheinbar absichtlich überlesen. Schon ziemlich benebelt stellte sich mein Spiegelbild mir gegenüber die Frage, ob ich denn nun in Zukunft nur noch dem Wind hinterherfahren wöllte? und wenn ja, wie denn, womit denn, wie lange , von was denn ,... usw. ...ich glaub die Antwort war ein eindeutiges JA! .. begründen muss man das nicht,.. denn es versteht eh keiner. Auf die vielen "W" hatte ich allerdings keine plausible Antwort, welche ich mir selbst hätte einreden können. kein Wunder in dem Zustand.
Einen (oder zwei) windige Tage gab es in diesem "Urlaub" dann doch noch ! an denen stellte ich schnell fest, das Brettsegeln was jetzt übrigens Windsurfen hieß, noch mal von vorn neu gelernt werden musste. Geradeausfahren klappte zwar auf Anhieb, aber an Powerhalse und Co war noch nicht zu denken. ...aber glaubt mir, das war in diesen Moment so was von egal. einfach nur dahingleiten, ...jeeppiiiieee! leider ist der See immer nach 500m zu Ende gewesen. Der Virus Windsurfen hatte sich nun aber endgültig in mir festgebissen. Ein paar mal ging es noch in jenem Jahr, doch die Tage wurden kälter...

..damals war es noch nicht üblich im Winter ebenfalls zum Windsurfen zu gehen. Einen langen Winter einfach nur warten, warten und virtuell die ersten Powerhalsen fahren, im Surfmagazin lesen, mehr ging nicht. Auch ab Frühjahr 87 plätscherten die Monate so dahin, und ich merkte irgendwie das infizierte Windsurfer leiden lernen müssen. Um zum surfen zu kommen mussten viele Voraussetzungen auf einmal zusammenpassen. Zum einen sollte man einen freien Tag haben, zweitens irgendwie mitsamt dem Surfzeug an einem surfbaren See kommen, und wenn das schon mal klappte musste es natürlich auch noch Wind geben. selten passte alles. Das Deltabrett erfreute sich hingegen kompletter Missachtung meinerseits und vergammelte zusehends auf dem Campingplatz. Auch die Regattaszene musste nun ohne mich weitermachen.
Auf einmal schrieb man das Jahr 1989. In der DDR breitete sich derweil der Unmut gegenüber dem verkalkten Honeckerregime aus. Den Autopappendeckel hatte ich auch schon seit letzten Herbst. Im Surf-Magazin wurde von unendlich weit entfernten Surfrevieren berichtet. Nicht unendlich weit in Kilometern, sondern unerreichbar weil der "eiserne Vorhang" unüberwindbar schien. Immerhin nach Ungarn durfte man noch. Also wurde zusammen mit paar Nichtsurfenden Freunden für Juli mal drei Wochen am Plattensee quasi als Sommerurlaub geplant. Der "Balaton" wie die Ungarn ihren Bodensee nennen, lieferte rein surftechnisch ein Armutszeugnis ab. Konstante 1-2 Bft täglich und wenn es mal hackt war stets ein Unwetter mit Blitz und Donner die Ursache. Wenn ich anfangs noch versuchte einen Wetterbericht mit Windvorhersage zu erlauschen, so sehr interresierten mich auf einmal ganz andere Meldungen. Im deutschsprachigen "Radio Danubius" berichtete man von täglich zunehmenden illegalen Grenzübertritten ostdeutscher "Urlauber" nach Österreich. Die westdeutsche Botschaft in Budapest wurde von ausreisewilligen DDR`lern belagert. Von daheim gab es Gerüchte, wonach Freunde welche auch nach Ungarn wollten, an der ostdeutschen Grenze von der Stasi aus dem Zug geholt worden sein sollen. Ein Gedanke keimte in uns auf. Wenn ich den Kumpels in die Augen sah, wusste ich das die das gleiche dachten. Viel Zeit zum überlegen war eh nicht mehr, denn der Urlaub war schon fast zu Ende. Was erwartete uns in Zukunft im Osten Deutschlands, falls wir dahin zurückfahren? Was wird wenn wir auch abhauen, wann sehe ich meine Eltern und mein Bruder jemals wieder? Es war ja auch nicht so, dass es mir im da Osten schlecht ging. Im Gegenteil. Ich hatte immerhin ein Motorrad, Mutters altes Auto konnte ich nehmen wann immer ich wollte, ja sogar ein für Ostverhältnisse gut bezahlten Job hatte ich mittlerweile, denn im Februar hatte ich meine Lehre erfolgreich abgeschlossen. In der anderen Waagschale lag weiter nichts als die Freiheit, und der Traum all jene Surfspots zu sehen von denen ich sonst mein restliches Leben nur weiterhin in der Surf hätte lesen können. Der süffige süße ungarische Wein und jede Menge Bierkonsum machten die Entscheidung einfacher. Am nächsten Tag besorgte ich Wanderkarten raus aus der ungarischen Puszta..... Hätten wir ahnen können, dass schon im November des gleichen Jahres die Mauer in Berlin ins Nirwana umgeschubst wird ? ... oder hatten wir indirekt einen Beitrag dazu geleistet?
Wie auch immer war ich Anfang der 90ér im "goldenen Westen" angekommen, aber komischerweise gingen hier die Surfambitionen im Alltagsgeschehen völlig unter. Plötzlich waren andere Dinge wichtig. Wie bekloppt schaffen gehen und sich von der zusammengerafften Kohle einen Billardtisch in die Wohnung stellen, oder den Porsche beim Türkenhändler vorn am Eck zu kaufen und weiterer Mist waren die primären Ziele des Lebens. Endlich hatte man ein Reisepass in den Händen der weltweit gültig war. Und was macht man damit? Erstmal nichts, stattdessen fährt man mit dem Porsche in Urlaub. Und wohin ,...na klar nach Ostdeutschland an den Neuendorfer See. und das auch noch ohne Surfbrett, denn auf nen Porsche sieht das ja wohl voll scheiße aus. Da saß ich nun auf dem gleichen Bootsteg, von dem aus ich vor Jahren mal die Regentropfen im Wasser zählte. Damals wartete ich jeden Tag auf Wind, jetzt wartete ich auf gar nix mehr und verließ fluchtartig den Ort, als hätte ich Angst mich an irgendwas zu errinneren ...
Weitere surflose Jahre gingen dahin. auch 12 Monate Grundwehrdienst der alle Ersparnisse dahinraffte. Wenn mein innerlicher, zweifels ohne noch vorhandener Surfvirus mal aufbegehren wollte, wurde dieser schnell mal durch jede Menge Alkohol zum schweigen gebracht. Dieser meldete sich anscheinend immer öfters, denn plötzlich war der Führerschein weg und der Porsche schrottreif. Eine notarielle Unterschrift unter den Kaufvertrag einer "Steuersparinmobilie" bescherten mir eine satte finanzielle Bauchlandung, auch Insolvenz genannt. Endlich war ich da wo ich nie hinwollte. ganz tief unten in der Gosse. Immerhin, die Arbeit und damit ein monatliches nicht mal übles Einkommen war mir geblieben, welches jedoch umgehend in den Heilbronner Kneipen umgesetzt wurde. So kam es natürlich wie es kommen musste. Eines Dienstagmorgens langte mal wieder die Kraft nicht um aus den Federn zu kriechen. Nun war der Job auch noch futsch. Miete zahlen , ?? nöö von was denn auch, und plupp eines Tages hockst du auf der Straße. Ein "Gelegenheitsjob" als Türenmonteur beförderte mich 1995 wieder kurzzeitig in den deutschen Osten. Aber lang wollte ich mich damit nicht abrackern. Finanziell etwas erholt und frisch rasiert durfte ich sogar wieder an meiner alten Arbeitstelle in Heilbronn erscheinen. Der alte Trott begann sich klammheimlich wieder einzuschleichen, doch diesmal war ich nicht mehr allein,....aber dazu später mehr.
Jedenfalls ging es wieder bergauf, sogar zum surfen durfte ich mal einen Tag gehen als uns ein Urlaub nach Rügen vergönnt war. Das hätte ich mir aber auch sparen können, weil das Seegras vor Lobbe mir einfach keinen Rutscher von mehr als 50 Metern erlaubte. Hatte ich doch vorher voller Enthusiasmus vom Windsurfen geschwärmt usw., diese Vorstellung damals war einfach nur megapeinlich und bedurfte erstmal keiner Wiederholung.
Ein halbes Jahr später war das auch wieder völlig egal, denn die nächste private Katastrophe war schon gefickt eingeschädelt worden. ...Wieder einmal stand ich vor dem nichts. Der Scheidungsanwalt und die Kneipe waren mein zweites zuhause. Leute um mich herum erkannten dies eher als ich, und mein Vater war es, welcher mich in einen Flieger nach Gran Canaria setzte. Lange hatte ich erfolgreich selber meinen Surftrieb bekämpft und von anderer Mithilfe diesbezüglich profitiert. Aber hier in der Bucht von Aquilla Playa stand ich nun direkt vor dem Surfcenter der Dunkerbecks. in diesem Moment waren die letzten 10 Jahre vergessen. Als ich das erste mal den Minishorebreak überwunden hatte und im Trapez hing begann ein neues Leben .. Diese zwei Wochen bedurften dringend einer Verlängerung. Aber selbst in den Wellen von Pozo wird man mit der Zeit von der Realität eingeholt. Es half alles nichts, ich musste wieder nach Deutschland um Dineros zu scheffeln.
Windsurfen hatte im Kopf endlich wieder jenen primären Status erreicht, der so wichtig ist um logisch denken zu können. Den Job in Heilbronn war ich ebenso schnell los, wie die schicke Penthousewohnung. Geld war eh alle , also was soll s. -back to the roots -
ab März 1999 wohnte ich auf
einmal in einem kleinen Häuschen direkt am Scharmützelsee, gerade mal 20
km von meinem Neuendorfer See entfernt. Etwas älteres aber dennoch
surftaugliches Material war schnell besorgt. Das man hierzulande arbeiten
geht, war eh nicht der Trend und so passt man sich eben an. Ich machte
auch mal ein Jahr Pause damit. Boote reparieren und hier und da mal der
Rasen gemäht, so konnte man sich schon durchschleppen. Eines ging aber
immer: Windsurfen direkt vor der Haustüre sofern es denn Wind gab, danach
mit anderen Surfern bei ne Pulle Bier am Strand plaudern. wat kann et
schöneret jeben? Die hier heimischen Localsurfer gaben sich schon lang
nicht mehr mit den Bedingungen am "Märkischen Meer" zufrieden. Am
Wochenende waren die bei guter Windprognose stets an der Ostsee oben. Da
mein Pappendeckel ja immer noch in Flensburg verfaulte konnte ich mir
Montags nur die Geschichten von den 7 Bft erzählen lassen. So konnte es
also nicht weitergehen, die Pappe musste wieder her und ein großräumiger
fahrbarer Untersatz ebenfalls. Das Zweite ging schneller als das erste,
weil ich wieder ne richtige bezahlte Arbeit hatte. Mittlerweile gab es ja
Internet und so praktische Dinge. In Dresden,.. ja die Welt dreht sich
anscheinend im Kreis, fand ich einen Renault Trafic Bus. Dieser war
schnell ausgebaut doch mit der Fahrerei war das "bisschen" illegal. Shit
happens eh genug also ... 5 Gang und gen Ostsee. juhuhu das surferische
Level stieg wieder rasant. Sogar erste misslungene Loopversuche machten
mich glücklich. Von mir aus konnte das Leben so weiter gehen. Doch ín
jeder glücklichen Lebensphase hat es mir stets einen Knüppel in die
rotierenden Speichen gehauen. ...
An jenem 8. September 2001 war etwas Wind für die Region Brandenburg vorhergesagt. Angeblich ein Sturmtief von Westen her wollte uns glücklich machen. Nun gut denn in der Frühe sah alles sehr harmlos aus. Schöne weiße Schaumkämme schon am frühen Morgen ?? gab's hier sonst noch nie ,...seltsam. Genug Surfstuff lag im Boot, so machte ich mich auf ans andere Ufer, denn daheim wäre alles ablandig und böig gewesen. Schnell war das 5,5 er aufgebaut und los ging's. Ab und zu schien sogar die Sonne und ich war richtig gut drauf. Mein Surfkumpel Jürgen musste an diesem Tag als Vorschoter auf einer Jolle eine Regatta am anderen Ende des Scharmützelsees mitfahren. Völlig gedankenverloren düste ich allein hin und her, chop hoop links ne duck-jibe rechts rum ..plitsch platsch, ...ohh was nun? plötzlich war es fast windstill und es wurde duster. Die vielen Wasservögel ergriffen kreischend die Flucht. Schlagartig herrschte eine unheimliche lautlose Stille auf dem See. .? .?. ratlos zerrte ich am Schot das Segel hoch. An der Nasenspitze spürte ich schon das ein Wind ging, konnte nur die Richtung nicht peilen. Mann oh man, schoss es mir durch den Kopf, das mit der Sauferei muss nun aber mal aufhören ... das kommt davon. Der Druck im Segel nahm dann aber doch wieder fühlbare Gestalt an, es ging wieder vorwärts. Raumschots konnte ich direkt auf die Stelle zu fahren an der mein Boot verankert war. Ja der Wind hat halt mal etwas gedreht dacht ich gerade in dem Moment als mich von hinten jemand anfauchte. leck mich doch ,.. aber da konnte ja eigentlich niemand weiter sein, den hätte ich doch gesehen ? ich schaute bei vollem Speed nach hinten und prompt knallte mir fliegendes Wasser ins Gesicht. Just in diesem Moment steckte ich mitten in einer Orkanböe. Nachdenken war nicht mehr. reflexartig krallten sich meine Hände an der Gabel fest. Ein Gefühl im Bauch welches man in einem schnellen Fahrstuhl beim anfahren verspürt war vorläufig meine letzte Wahrnehmung. danach war es kurz dunkel, ich weiß zumindest nicht mehr was genau passiert war. Gott sei dank ,mein Board samt Rigg schwamm unversehrt wenige Meter von mir entfernt friedlich im Wasser. schnell hinschwimmen, aber,... oh je scheiße, mit meinem rechten Bein stimmte etwas nicht. Bei jeder Schwimmbewegung hatte ich wahnsinnige Schmerzen im Knie. Nur mit den Armen kraulend schaffte ich es doch noch bis zum Board hinüber. Endlich drauf sitzend fummelte ich an meinem rechten Bein rum. Im entspannten Zustand kribbelte es nur ein wenig, doch sobald ich auch nur einen Muskel aktivierte ,...ja so wie wenn man einen Stromschlag aus der Steckdose direkt ins Knie bekommt. Shit,.. ok fluchen hilft jetzt gar nix. Noch 1 km bis zum Boot,.. weit und breit niemand auf dem See? Doch ein Segler mit einer 420 Jolle. Ich winkte mit beiden Armen und schrie mir die Kehle aus dem Hals. Der blöde Kerl fuhr oberhalb, also in Luv ca 100 Meter an mir vorbei und glotze stur in die andere Richtung. Ich denke der wollte mich absichtlich nicht sehen oder hören. Vor lauter Zorn über solch dusselige Ignoranten ließ ich mich fluchend ins Wasser abrutschen , richtete ohne Schwimmbewegung der Beine ganz langsam mein Rigg zum Wasserstart aus. Das linke funktionierende Bein rauf aufs Board und dragen lassen. Es war unheimlich anstrengend, aber in solch einer Situation merkt man das erst nachher. Ich sah nach paar metern, das ich auf diese Art zuviel an Höhe verlor um ans Boot zu kommen. Musste mich also unbedingt raufziehen lassen und so normal wie möglich zum Boot dümpeln. Es ging !!! juhuu .. ein Jubler der seltsamen Art kam mir über die Lippen, jetzt wusste ich, dass ich hier und heute nicht ersaufen musste.! Das rechte Bein ließ ich einfach "baumeln"
Stunden später in der "Notaufnahme" der Klinik in BadSaarow sagte der Diensthabende Arzt wortwörtlich: " ... ohha ? sieht nicht gut aus.. komplizierter Kreuzbandriss, das können wir hier auch gar nicht operieren... am Montag bitte wiederkommen, dann ist auch ein spezieller Chirurg da". Mir wurde es schwarz vor die Augen,... Operation? Chirurgie ? Knie aufschneiden ? mir wurde übel Gehhilfen , quasi paar Krücken um selbst sich bis Montag fortbewegen zu können gab es nicht mehr. Zwei andere Notfälle waren mir an diesem Tag schon zuvorgekommen. Wieder daheim auf der Couch liegend war alles nicht mehr so schlimm. Jürgen hatte inzwischen mein Surfzeugs eingesammelt und ne Pulle hochprozentigen mitgebracht. Ich war gezwungen mich selbst in ein Krankenhaus einzuweisen. Oh Gott ,... ich hatte Angst davor.
Montags wurde man dann im KH gern aufgenommen. Eine Suite auf Zimmer 308 war frei. Da lag ich nun und wartete ,.. mein "Bettnachbar" hatte von paar Nazis eins auf die Fresse bekommen und erzählte permanent von seinen Plan es denen heimzuzahlen. Wie hohl in der Birne der auch war, ich war froh über jede Art von Unterhaltung. Im Fernseher tickerten die Nachrichten,... "Orkanschäden in Millionenhöhe ,.. bla bla " Mein "Bettnachbar" lachte sich krumm, und heulte gleichzeitig vor Schmerzen im restlichen Hirn. egal am 11. 9. 11,00 Uhr hatte ich OP- Termin....
... ich wachte einen Tag später ganz langsam aus der Narkose wieder auf....der Fernseher auf Zimmer 308 lief noch. Flugzeuge flogen in Hochhäuser und explodierten, Enya sang dazu: "only time" . Vom Lausitzring wurden die "German 500" gesendet wofür ich eigentlich Tickets hatte. Stattdessen lag ich weitere 10 Tage auf jenem Zimmer 308 im KKH Beeskow . Eines morgens kam der Chefarzt höchstpersönlich zur Morgenvisite an mein "Krankenbett" . In seinem Gefolge tappten ca.. 5 angehende Weißkittel nach, halb auf Fachlatein halb deutsch versuchte er zu erklären was an meine Knie operiert wurde. Mir wurde also eine Art Plastikband im Knie eingeschraubt, denn das Kreuzband war nicht mehr zu retten. Ebenso wurde das Innenband zusammengeflickt. Weiterhin war die Rede von Meniskus- und Knorpelschaden. Es war das erste mal dass ich so zufällig nebenbei eine Auskunft über den Zustand meines Beins bekam.
Wieder zuhause gab es nichts zu tun, zumindest nicht für mich. Ohne Krücken konnte ich keinen Meter gehen. Ein windiger Herbst ging emotionslos an mir vorüber. Die Reha verlief schleppend. Selbst 3 Monate später war eine Beugung des Knies von 45-50° das höchste der Gefühle. Zum Zeitvertreib lief die Playstation heiß und ganz nebenbei entstand auch diese Website hier. Es war schon Ende Januar, als eines Tages eine SMS von Jürgen ankam: "Hi, wir sind in Radlow. 12°Sonne und Wind4-5 SW" Wollte er mich verarschen? Vor zwei Wochen erst hatte ich die Krücken endgültig ins Eck gestellt. Ohne gingen nur wenige wackelige Schritte, aber man musste ja auch nicht laufen können um surfen zu können, Oder?. Das Surfzeug war schnell wie eh und je ins Auto verfrachtet und 15 min später war ich am Ostufer angekommen. Jenes 5,5 er Segel mit dem es mich im September so bös zerlegt hat war schnell aufgebaut. Um lossurfen zu können musste man erst noch 15m übers Eis rutschen, bis es krachte. Puh, von jetzt auf nachher stand ich also wieder auf einem Surfboard. Kleine Eisschollen knallten beim fahren gegen die Finne. Drei völlig verrückte jubelten über den See. Am Ufer standen paar Spaziergänger und vollführten die markante Scheibenwischerbewegung. Meine Kondition war nach vier Monaten Nichtstun völlig im Eimer. Nach einer Stunde musste ich 200 m unterhalb des Parkplatzes an Land krabbeln. ...und jetzt zum Auto laufen? ja was sonst. Aber es ging besser als vorher. Ich versuchte die Schmerzen im Knie zu ignorieren. Die Kälte tat ihr übriges dazu. Die Ärzte hatten mir natürlich geraten mit der Surferei aufzuhören, doch jetzt hatte mich eben jene Surferei schlagartig therapiert.
Ein paar Wochen oder Monate später saßen wir mal wieder mit ne Flasche Bier am Strand. Ein mittelmäßiger Windtag ging gerade zu Ende. Ich sagte: "Morgen wird's besser da kommt mehr Wind, ich rieche das", ... "Nein glaub ich nicht, es ist nix angesagt. Das war's wohl mal wieder für die nächsten Tage",... "Nein wirst sehen morgen gibt's einen BigDay mit more Wind! ....bin dann wieder hier" paar SMS mit eben jenem Satz wurden auch noch verschickt. Am nächsten Tag ballerte es tatsächlich. Der Spot war gut gefüllt. Jemand sagte: " der Doktor Morewind hier hat's ja vorhergesagt..." und schon hatte ich einen Nick verpasst bekommen.
Wie es von da an weiterging, steht seit 2002 unter der Rubrik ">>>Trips"

